titlis
südostpfeiler
12.07.26
zwei gute freunde laden mich zu einer tour der extraklasse ein, die für mich eigentlich ein paar schuhnummern zu gross ist.
zustieg:
es gibt verschiedene wege, ins wendenjoch und zum grassenbiwak auf dem tierberg zu gelangen: von der wendenalp via weng, schwarze berg und wendengletscher - oder von herrenrüti via alp bödmen, firnalpeli und gorisegg - oder wie wir ganz bequem mit der luftseilbahn zum kleintitlis, anschliessend dem ehemaligen klettersteig entlang durch die südwand zum wendengletscher. (ZS, 2½h)
route:
diese unglaubliche route wurde 1960 von den jurassischen kletterern r.bögli, j.braun, b.meier, r.monnerat, m.perrenoud und m.zuckerschwerd (siehe ≫ erstbegehungsbericht) mit schlaghaken, holzkeilen und schlingen eröffnet - für heutige kletterer beinahe unvorstellbar. möglicherweise deuten dubiose laschenbohrhaken an den schwierigsten stellen auf eine erste sanierung hin? im jahre 2002 jedenfalls haben die beiden innerschweizer bergführer roger christen und ruedi nyffeler die route sehr sanft, aber mit gutem inox-material saniert. bei den ersten drei aufschwüngen findet man zumindest einen brauchbaren bohrhaken an jedem stand, zudem sind einige der allerschwierigsten stellen nun dank einem M8-bohrhaken etwas sicherer zu begehen. der oberste, sehr brüchige aufschwung hingegen ist immer noch clean anzutreffen. im jahre 2005 haben dann die beiden brüder zambetti, ausnahmekletterer aus moutier, die route befreit - und zwar mit dem bestehenden material, das häufig keinen sturz halten würde! allerdings scheinen sie nach der zehnten länge über die rémy-route "tumi" abgeseilt zu haben.
je nach zählart besteht die route aus ungefähr 22 seillängen, wovon sich je etwa ein drittel in sehr gutem (vor allem der steile mittlere aufschwung), ein drittel in einigermassen akzeptablem und ein drittel in heiklem brüchig-splittrigem gestein abspielt.
aufgrund der ausaperung ist der direkte zugang entlang des auffälligen gelben turmes im dunkeln schwierig bis unmöglich geworden. wir stiegen daher bis zu den ausläufern des wendengletschers ab und gelangten über das auffällige schutt- und geröllband von westen her zum einstieg kurz vor der kante. (½h)
für die erste länge wählten wir den originaleinstieg, der kurz gerade hoch, dann via eine plattige rampe schräg nach links zu einem gebüsch geht. drei meter links davon befindet sich der erste stand der route "tumi". für die zweite seillänge wird auf allen von uns konsultierten beschrieben dringend empfohlen, diese rémy-sportkletterroute zu verfolgen, da die originallinie in äusserst brüchigem gestein vonstatten gehen soll. allerdings muss dann gegen ende dieser länge nicht nach links zum rémy-stand, sondern nach rechts zum originalstand gewechselt werden. in weiteren vier seillängen zum schuttband vor dem zweiten aufschwung, wo der erste biwakplatz der erstbegeher zu finden ist.
nun steht man vor dem eindrücklichen überhängenden steilaufschwung, der mit den grössten schwierigkeiten aufwartet. man fragt sich unweigerlich, wie es möglich war, dass sich die erstbegeher 1960 mit den damals vorhandenen mitteln an diesen kompakten felsteil gewagt haben. nach dem durchklettern dieser sehr schwierigen, strengen und teilweise auch heiklen seillängen bleibt man beinahe sprachlos ob der verwegenheit, dem können und dem mut der erstbegeher. während die erste länge entlang des risses noch mit guten griffen aufwartet, empfanden wir die zweite länge (von den brüdern zambetti mit 6c+ bewertet) als die schwierigste länge des ganzen pfeilers: 50m technische, unübersichtliche kletterei in einer kompakten platte, auch nach der sanften sanierung durch roger christen und ruedi niffeler mit nur 4 sicheren bohrhaken bestückt (nebst dem alten original-material). die folgenden zwei seillängen sind etwas moderater und können auch zusammengehängt werden. nun führt ein schöner riss zu einem überhang, der rechts umgangen wird. der zweite teil dieser seillänge wartet mit ziemlich exponierter kletterei über platten und entlang eines steilen risses auf. vom folgenden standplatz aus erspäht man etwas unten richtung westen den zweiten biwakplatz der erstbegeher. eine letzte länge führt nochmals etwas exponiert, aber einfacher auf das nächste schuttband, womit man den zweiten aufschwung überwunden hat.
aufgrund der topos dachten wir, dass nun das gröbste hinter uns liegt und einfachere alpinkletterei zum gipfel führt. doch nach dem durchklettern der route waren wir uns einig, dass die route eigentlich erst hier richtig beginnt!
zwar geht's nun einfacher weiter, wenngleich in deutlich weniger zuverlässigem fels. so erreicht man den nächsten aufschwung. während die bohrhaken von "tumi" der kante entlang aufwärts gehen, packt man den SE-pfeiler rechts der kante in einem steilen riss an. zurück an der kante folgt eine weitere, steile länge entlang eines risses. der nun folgende stand wäre der letzte, der ein abseilen über eine der benachbarten sportkletterrouten in der südwand erlauben würde ("tumi" oder "incas"). einmal weitergeklettert ist ein umkehren beinahe unmöglich, auch gibt es ab hier keine gebohrten oder geschlagenen standhaken mehr. bald steht man nach einer scharte vor einem sehr splittrigen rot-gelbem turm, der zunächst direkt, dann links in heikler kletterei erstiegen wird. glücklicherweise wird der zweite rote turm dann leicht absteigend über eine unsichtbare rampe links umgangen. allerdings quert man damit die tief eingeschnittene steinschlagrinne, die uns kurz vor dem durchqueren mit einer gewaltigen steinlawine begrüsste. in dieser rinne etwas ansteigen, dann nach links über platten zum vermutlich obersten stand von "tumi" wechseln. zwei letzte längen führen auf das schuttband vor dem gipfel, wobei auf diesem schuttband unmöglich ein brauchbarer stand gebaut werden kann. leicht linkshaltend über diesen schutt (gehgelände) um eine rippe herum zum gipfel, den man genau am triangulationspunkt erreicht. (13h, in einer zweierseilschaft vielleicht 1-2h schneller)
bewertung: E5, AS, gemäss den erstbegehern VI/A3 (unser vorschlag: ~VII/A0), gemäss den gebrüdern zambetti frei geklettert: 7a
material: 50m-seil, viele schlingen, 16 express, cams C3 #00 bis #1 sowie C4 #0,3 bis #3, ein komplettes keilset, haulbag für die steilen längen
abstieg:
vom gipfel geht's auf einem wanderweg über den westgrat zum kleintilis, wo vermutlich schon die letzte bahn ins tal gefahren ist. wir bezogen daher ein mehr oder weniger gemütliches biwak, dabei wurden wir die ganze nacht von einem lautsprecher mit swisspop-gedudel beschallt! anderntags dann mit der ersten bahn zurück ins tal.
angetroffene verhältnisse am 12.juli 2026:
perfekte verhältnisse, alles trocken
keine weiteren seilschaften in dieser route

titlis SE-pfeiler: vom wendengletscher aus ist die pfeilerkante zum ersten mal zu sehen

titlis SE-pfeiler: wenn man vom einstieg nach oben guckt, wird einem beinahe schwindelig

titlis SE-pfeiler: auch mit etwas distanz bleibt der pfeiler sehr steil

titlis SE-pfeiler: blick richtung der langen ostwand-route

titlis SE-pfeiler: blick zurück vom gelben turm

titlis SE-pfeiler: nach dem erkunden des einstiegs kann man entlang des grates mithilfe einmal 25m abseilen über den gelben turm ins biwak gelangen

titlis SE-pfeiler: die erste steile länge am zweiten aufschwung

titlis SE-pfeiler: die sehr anspruchsvolle zweite länge, die steilheit ist an der haul-leine gut abzulesen

titlis SE-pfeiler: der kürzere steilaufschwung nach den schweren längen

titlis SE-pfeiler: der heikle rot-gelbe turm (© kusi)

titlis SE-pfeiler: blick zu schlossberg, gross und klein spannort, falkentürme und wichelplanggstock

titlis SE-pfeiler: steinmann und ruhebank aus granit auf einem der markantesten kalkberge der schweiz!?!

titlis SE-pfeiler: topo gezeichnet von roger christen (© roger christen)

titlis SE-pfeiler: topo gezeichnet von nicolas zambetti (© nicolas zambetti)
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